Wien November 1946

 

Herr Gustl Czern widerlegt einen Aberglauben.

 

Ratten und Kaninchen

 

            Seit dreißig Jahren, seit ich eben Kaninchen züchte und halte, muß ich immer

wieder auf die Frage Antwort geben, ob sich Kaninchen nicht doch mit den Ratten paaren

können, denn schon meine Großmutter oder Großtante wusste davon und hat es selber

gesehen……usw. Es gibt und gab stets Menschen, die eine solche Hasenratte schon ge=

sehen haben, freilich leben die alle nicht mehr, aber trotzdem aßen viele Menschen kein

Kaninchenfleisch, weil sie noch fest an das Märchen glaubten, dass Ratten mit Kaninchen

züchten! Momentan würden vielleicht sogar auch solche Kaninchenratten verspeist werden

– wenn es solche überhaupt geben würde.....

 

            Doch ist das Ganze ein ebenso dummes wie ganz unmögliches Paarungsverhältnis,

das vollständig unmöglich und naturwidrig ist. Das Hauskaninchen paart sich nur mit

seinesgleichen und nur mit seinem Stammtier, dem Wildkaninchen, niemals aber mit dem

Feldhasen, geschweige den mit einem anderen Tier oder gar mit einer Ratte.

 

            Trotzdem wir Züchter das alles wussten und wissen, haben wir doch auch selbst

den Versuch gemacht, ob sich Ratten oder Kaninchen nicht doch nähern.

 

            Zusammen mit dem unvergesslichen Züchter Gustl Schmied U machte ich in den

zwanziger Jahren einen Versuch: Wir hielten in zwei Versuchskäfigen ein Rattenmännchen

und eine Kleinsilberhäsin, im zweiten Käfig ein Rattenweibchen mit einem Hermelinrammler

(kleinste Kaninchenrasse) etwa vier Monate zusammengesperrt, dabei beobachteten wir

die Tiere genau. Der Silberrammler fraß nicht einmal mit „seiner“ Rattin, ließ sie nicht zur

Futterschüssel so lange er fraß, und nie schliefen oder hockten die Tiere nebeneinander.

Noch „kühler“ war das Verhältnis zwischen der Häsin und „ihrem“ Rattenmännchen, das

wirklich keine gute Stunde neben der ihm abbeißenden Häsin hatte, die „ihn“ sichtlich

hinausbiß, nicht fressen ließ und oft zeigte, wie unangenehm ihr diese Gesellschaft war.

 

            Die Ratten selbst mästeten sich, wurden zutraulich, zeigten nie Fluchtversuch, auch

nicht, wenn ich sie aus dem Käfig nahm, um diesen zu reinigen. Ich konnte sie währenddem

auf meine Schultern setzen oder beim Herausnehmen auf meinem Arm hochklettern lassen,

sie taten nichts und wurden so zutraulich und reinlich, dass es uns geradezu leid tat, dass

das – Ratten sind!

 

            Vier Monate ließen wir die Tiere so beisammen, gaben ihnen sogar Johymvetol, ein

brunsttreibendes Mittel, aber es blieb bei der gegenseitigen Ablehnung, wir fanden bestätigt,

was wir ohnehin wussten: Ratten sind dort, wo sie Futter finden und wo vielleicht noch

dazu Unsauberkeit herrscht. Sie suchen nicht das Kaninchen oder ein anderes Tier zur Paarung,

sondern sie suchen Futter. Wo sie dies finden und noch ein Versteck für sie dazu, dort bleiben

sie, ohne Paarungswillen. Eine Paarung mit einem Kaninchen ist eben unmöglich, auch dann,

wenn dies von der Urgroßmutter ihrer Freundin behauptet wurde, die es von ihrer Groß=

tante gehört hat………………

 

                                                           Gezeichnet am 26 November

 

                                                                                              Gustl Czern

 

 

 

 

 

 

 

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