Ungleiche Gegner.

 

Diese hier geschilderte Geschichte spielte sich in einem Londoner „Hinterzimmer“ ab. Der damalige Zuschauer und spätere Autor blieb allerdings lieber anonym, was nicht verwunderlich ist. Befanden sich doch bei diesem „ungleichem Kampfe“ recht einflussreiche Personen im selben Raume. Tja wie sagt man so schön. „Eine Krähe hackt der anderen Krähe eben kein Auge aus“.

 

Um diesen doch schon über 150 Jahre alten Bericht (welcher sich in meinem Privatarchiv befindet) nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen, so füge ich ihn im Anschluss wie ihn der damalige Verfasser schrieb in der ungekürzten Originalverfassung ein.

 

Der Bericht erschien im Jahre 1858 erstmals im Ernst Keil Verlag.

 

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Das dazugehörende Bild aus dem Jahre 1858

Jeder Mensch, welcher jedoch schon mit wilden Ratten zu tun hatte weiß, dass es sich hierbei nur um zahme Tiere handeln konnte, denn es ist schon klar, dass eine Wildratte keine 3 Sekunden in solch einem lächerlichen 1 Meter hohen Verschlag verweilen würde.

Wanderratten sind bei drohender Gefahr extrem schnell und gehen sage und schreibe „die Wände hoch“.

Vermutlich wurden diese Tiere noch vor ihrer Hinrichtung „behandelt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Rattenschlacht.

In dem Glauben, dass ich schon Alles kenne, was London Interessantes in sich schlösse, machte ich mich eben zur Abreise be=

reit, als mein gefälliger Cicerone, Mr. Thompson, mich fragte, ob es mir vielleicht angenehm wäre, mit anzusehen, wie Ratten von

Bullbeißern erwürgt würden; und als er das Erstaunen und den Widerwillen bemerkte, mit welchem ich seinen Vorschlag anhörte,

setzte er hinzu:

            „Sie haben in der That einen sehr feinen Geschmack, mein Herr; indessen gehört gerade dieser Zeitvertreib zu den Unter=

haltungen, die von den geachtetsten Leuten unserer Stadt gesucht werden!“

Dieser Ueberredungsgrund bestimmte mich, und außerdem war ich überzeugt, dass meine Anwesenheit keiner einzigen Ratte mehr

als sonst das Leben rauben würde.

Ich machte es nun ganz so, wie mir Mr. Thompson, ich zog einen schlechten Kittel an und bedeckte mein Haar mit einer schottischen

Mütze. In diesem Aufputz lenkten wir unsere Schritte nach den finstersten Straßen und den ungesundesten Quartieren des bevöl=

kertsten Stadttheiles, nicht weit vom Tunnel.

            „Die Polizei,“ so sagte mir Mr. Thompson, „widersetzt sich allen Vergnügungen dieser Art, und aus diesem Grunde suchen

dieselben nur da ihren Schauplatz aufzuschlagen, wohin jene ihnen kaum zu folgen vermag.“

            Wir traten in ein erbärmliches Haus ein, wo eine Frau, die sonst beinahe ohne alle Kleidung, aber doch mit dem unvermeid=

lichen schmutzigen Hute versehen war, einigen am Tische sitzenden Männern Branntwein einschenkte; sie wies uns mit einer Hand=

bewegung, ohne dass sie sich erst die Mühe nahm, uns anzusehen, nach dem Schauspielsaale, welcher von dem traurigen Scheine der

in seiner Mitte aufgehangenen Lampen etwas eingeräuchert war. Der Schauplatz, welcher unter der Beleuchtung war, bildete ein

Viereck von ungefähr zwölf Meter im Umfange, und war mit einer aus Planken fest zusammengefügten Scheidewand, ein Meter hoch,

umgeben.

            Der Director des Etablissements, ein kräftiger Mann mit rothen Haaren, erwartete mit Gleichmuth sein Publicum; er saß vor

der Hand auf einem Kasten, welcher eine Anzahl von 50 Ratten enthielt, und diese Thiere liefen in der größten Unordnung in ihrem

engen Gefängnisse umher.

            „Aber woher.“ rief ich aus, „so viele Ratten, um den Verlust, der sich täglich wiederholt, auszugleichen?“

            „Man verschafft sich dieselben,“ antwortete mir Mr. Thomson, „bei den armen Leuten, deren einziger Erwerbszweig darin besteht,

dass sie diesen Thiren gestatten, sich in ihren Häusern möglichst zu vermehren; und zu diesem Zwecke ist es auch nöthig, sie gut

mit Futter zu versehen, damit sie sich nicht etwa unter einander selbst auffressen. Und ihr Unterhalt ist nicht theuer, denn so viel

man weiß, sind diese lustigen Thierchen nicht eben sehr schwierig in der Wahl ihrer Nahrungsmittel.“

Während dieser Auseinandersetzung sahen wir acht bis zehn Herren von vornehmem und ernstem Gesichtsausdrucke eintreten und

uns gegenüber Platz nehmen; sie waren aber alle gekleidet wie gemeine Leute.

            Mr. Thompson neigte sich an mein Ohr und sagte: „Unter den Neuangekommenen ist der Herr mit den weißen Haaren, der

schottischen Mütze und dem grünen Mäntelchen Lord G…; der Herr links von ihm ist Lord S…; Die anderen Zuschauer sind

mir zwar unbekannt, aber nach ihrem vornehmen Benehmen und nach der Ungezwungenheit zu urtheilen, mit welcher sie zu den Lords

reden, müssen sie eine hohe Stellung bekleiden.“

            „In diesem Falle,“ meinte ich, „ist das Glück des Rattenmannes sicher gemacht….“

            „Sie glauben doch nicht,“ erwiderte Mr. Thompson, „dass unsere Lords sich von andern Menschen unterscheiden, die nur dann

großmüthig sind, wenn die Oeffentlichkeit sie für ihre Edelthaten mit Ruhm bezahlt? Diese Herren werden wie wir sechs Pence für

jeden Rattenkopf bezahlen, mehr nicht!“

            In diesem Augenblicke trat der Mann in den Circus ein, verschloß die Thüre desselben sorgfältig, und zog den Boden des

Rattenkäfigs, den er zwischen seinen Händen hielt, heraus, so dass die darin befindlichen Schlachtopfer auf den Erdboden herunterstürzten.

Das gab ein unerhörtes Durcheinander; die unglückseligen Ratten durchstöberten den ganzen Raum des Sandplatzes, in der Hoffnung,

einen Ausweg zu finden, und rannten in schrecklicher Weise an einander; man hätte glauben mögen, sie hätten eine Art von Vorah=

nung ihres gräßlichen Endes empfunden. Ich fragte mich im Stillen, welches Vergnügen Jemand an diesem barbarischen Schauspiel fin=

den könnte, welches nur den Anblick eines plötzlichen Hinwürgens ohne einen möglichen Kampf darböte; zugleich aber lenkte ich meine

Aufmerksamkeit auf die Zuschauer, welche der Elite einer Nation angehörten, die auf ihre humanen Gesetze stolz ist.

            Unterdessen setzten die Ratten mit der Unordnung, die eine Folge des Schreckens war, ihre früheren Entdeckungsreisen fort. Ei=

nige von ihnen indeß schienen weniger aufgeregt und beschnoberten einander, wo sie sich trafen, so dass es fast schien, als

wollten sie sich gegenseitig guten Rath geben oder auch auf ewig Abschied von einander nehmen, denn bereits ließ sich das Gebell

der Hunde vernehmen. Da fielen uns drei Ratten in die Augen, die sich nicht von der Stelle bewegten, sondern sich eng an einan=

der drängten und in gerader Linie aufstellten, wie zur Musterung. Die größte von ihnen, die in der Mitte zwischen den andern saß,

schien von dem ganzen Lärm unberührt zu bleiben; ihre gebleichte Schnauze kündigte ihr hohes Alter an, ihre matten Augen ließen

vermuthen, dass sie blind wäre. Desto mehr Bewegung zeigten aber ihre beiden Gefährten, die sich an ihre Seite drängten, in ihren

Barthaaren und ihren blitzenden Augen.

            Jetzt erschien der Director des Etablissements wieder, die Hemdärmel bis über die Ellenbogen zurückgestreift; er hielt in

jeder Hand einen mittelgroßen Bullenbeißer, den er am Halsfelle gepackt hatte. Diese Hunde boten den Anblick der Wuth und

Wildheit und stürzten sich jetzt wie toll auf ihre Opfer, so dass sich in kurzer Zeit der Sandplatz mit Leichen und Blut bedeckte.

            Die drei Ratten waren gerade durch ihre Unbeweglichkeit dem allgemeinen Blutbade entronnen; aber nun kamen auch sie an die

Reihe. Sie schienen es zu wissen, und indem sie ihr Gebiss sehen ließen, zeigten sie große Entschlossenheit. Der eine von den beiden

Hunden war von dem Schauplatze entfernt worden; der andere, der zurückblieb, stürzte sich auf die Ratte in der Mitte; aber in

dem nämlichen Augenblicke wurde er auf jeder Seite seines Maules von den Zähnen derer gepackt, die die Obhut über die alte Ratte

auf sich genommen hatten. Jetzt schüttelte der Hund wüthend seinen Kopf und befreite sich so ohne große Mühe von dem sonder=

baren Schnurrbart, den ihm seine beiden Gegner angesetzt hatten, als sie sich an seiner Nase festbissen; sodann stieß er einen wilden

Schrei aus und erneuerte seinen Angriff; aber die beiden Ratten sprangen zu und bissen sich an derselben Stelle, wie früher, ein

so dass dem Hunde das Blut die Backen herablief. Dadurch wurde die Wuth des Bullenbeißers nur verdoppelt, er blieb fast unem=

pfindlich bei diesem neuen Angriffe, zermalmte die alte Ratte zwischen seinen furchtbaren Kinnbacken und entledigte sich seiner Feinde

wieder, indem er wüthend den Kopf schüttelte. Nun wollte er eben eine von den andern beiden packen, als dieselbe, die Bewegung des

Hundes beobachtend, ihm plötzlich auf den Rücken sprang, denselben als Sprungbret benutzte und sich von da auf die Barriere hinauf=

schwang, die den Lords als Stütze diente, so dass dieselben sich erschrocken zurückbeugten. Von diesem Platze aus prüfte das keu=

chende Thier, wie ein Beobachter, was sich ereignen möchte, und musst unmittelbar darauf mit ansehen, wie die Knochen seines

Waffenbruders zermalmt wurden.

            Lord S. bewegte unwillkürlich seine Hand schützend nach der beobachtenden Ratte, als hätte er den verzweifelten Entschluß des

armen Thieres errathen; aber dieses Gefühl der Theilnahme war von keinen Nutzen: der letzte Märtyrer sprang schnell hinab auf

den Sandplatz; er wollte ohne Zweifel diejenige nicht überleben, die ich theuer gewesen waren.

            Die Folge dieser Thatsache war ein allgemeiner Ausruf der Verwunderung. Lord S. streckte seine Arme nach dem Circus

hinab, befahl dem Director, die todten Körper der drei Ratten aufzuheben, um sie ausstopfen zu lassen und sie zum Andenken an

ihre Tapferkeit aufzubewahren. Alsdann gab der edle Engländer einem Diener einen Wink und schickte ihn mit einem Auftrage weg.

Sowie sich derselbe entfernte, bat er die Zuschauer, sie möchten noch einige Minuten verweilen, wenn sie wünschten, dass das Schau=

spiel einen allgemein befriedigenden Schluß gewähre. Bald darauf kam der Diener zurück und brachte einen kräftigen Bullenbeißer mit,

den man zu dem Rattentöter hineinließ. Der Kampf, der sich jetzt zwischen den beiden Hunden entspann, war nicht von langer

Dauer; nach wenigen dumpfen Gurgeltönen lag das Thier auf dem Fußboden ausgestreckt und die Ratten waren gerächt.

            Der Leichnam des kleinen Hundes durfte sich mit seinen Schlachtopfern in die Ehre theilen, ausgestopft zu werden, und der

Künstler, der mit dieser Arbeit betraut wurde, gruppierte diese Thiere so, dass ihre Stellung an das vorhergegangene Ereigniß erinnerte.

Diese Gruppe hat aber natürlich in der Gallerie von Natur= und Kunstgegenständen, deren Besitzer Lord S. ist, einen geeigneten Platz

gefunden. –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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