Die große Waldratte.

 

Graf Buffon aus Paris beschreibt in seinem Buche aus dem Jahre 1738 diese neue Rattenart wie folgt. In diesem Buch befindet sich ein Bild, welches eine der ersten in Europa angesiedelten Wanderratten zeigt. Damals hießen die Tiere allerdings noch „die Waldratten“.

 

 

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Eine Zeichnung aus dem Jahre 1738 von J.G.S. Schmidt für Graf Buffon

Die große Waldratte.

Weitere Namen des Tieres.

Rat des Bois, Surmulot, Mus cauda longiffima, fupra dilute fulvus, infra albicans, Mus Sylvestris.

 

 

 

 

 

 

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Eine weitere Zeichnung einer Waldratte jedoch bereits aus dem Jahre 1785

Das Bild stammt von Herrn Joseph Georg Traßler aus Deutschland für Graf Buffon.

Selbst 47 Jahre nach dem ersten Bekantwerden der Ratte wurde das Tier noch gleich gemalt und auch mit demselben Namen gleich benannt.

 

 

 

 

 

 

 

Der Originalauszug aus Graf Buffons Buch aus dem Jahre 1738 übersetzt ins Deutsche von Joachim Pauli aus Berlin im Jahre 1776.

 

Die grosse Waldratte, Sürmülot.

Wir haben die Benennung Sürmülot einer neuen,

erst seit wenigen Jahren entdekten Art großer

Feldmäuse beygeleget, weil, außer dem Brisson, wel=

cher sie unter dem Rattengeschlecht anführet, und Wald=

ratte nennet, kein einziger Naturbeschreiber dieses Thie=

res gedenket. Es unterscheidet sich von den eigentli=

chen Ratten eben so merklich, als die große Feldmaus

von der gemeinen; es musste daher ebenfalls einen

eigenthümlichen Namen erhalten, welcher eigentlich

eine große dikke Feldmaus bedeutet. Denn , in der

That kömmt dies Thier so wohl in der Farbe, als in

seinen natürlichen Gewohnheiten, den Feldmäusen viel

näher, als den Ratzen; es ist auch stärker und schlim=

mer, als diese. Man unterscheidet es auch leicht an

seinem rothen Har, an dem sehr langen, kahlen

Schwanz, an dem Bogenförmigen Rükgrad, wie

die Eichhörnchen haben, die es aber an Dikke des Lei=

bes noch übertrift, und an dem Knebelbart, welchen

es mit den Katzen gemein hat. Erst seit neun oder

zehn Jahren haben diese Thiere sich in den Gegen=

den um Paris verbreitet. Man weis nicht, woher sie

zuerst gekommen. Ihre Vermehrung aber gieng bis

zum Erstaunen. Es ist aber nicht zu bewundern, da

sie gewöhnlich zwölf, oft sechzehn, bis achtzehn oder

wohl gar neunzehn Junge hekken. Die Oerter, wo

man sie zuerst wahrgenommen, auch die Folgen ihrer

Verwüstungen am ersten gefühlet, sind Chantelly,

Marly:la:ville und Versailles. Herr le Roy, Auf=

seher des Königliche Gartens, war so gütig, uns eine

Menge solcher, theils lebendigen, theils todten Thiere,

mit seinen Anmerkungen über diese neue Thierart zu

überschikken.

Die Männchen sind starkleibiger, kühner und

bösartiger, als die Weibchen. Wenn man sie verfol=

get, oder greifen will, machen sie eine hurtige Wen=

dung, um nach dem Stok oder nach der Hand, welche

sie schlagen will, zu beißen. Ihr Biß pflegt nicht allein

tief einzudringen, sondern auch durch eine darauf er=

folgende starke Geschwulst, und weil die kleine Wunde

lang offen bleibet, gefährlich zu werden. Sie vermeh=

ren sich dreymal im Jahre. Von einem Paar dieser

Gattung werden also jährlich wenigstens drey Dutzend

Junge gehekket, für welches das Weibchen ein beque=

mes Lager bereitet.

Einige natürliche Eigenschaften der Sürmülots

scheinen zwischen den Wasserratten und ihnen ein nahe

Verwandschaft anzukündigen. Ohnerachtet man sie

allenthalben antrift so ist ihnen doch das Ufer eines

Gewässers, allem Anscheine nach, zu ihrem Aufenthalt

am angenehmsten. Von den Hunden werden sie,

gleich den Wasserratten, oder mit einer Hitze, welche

der Wuth nahe kömmt, verfolget. Bleibt ihnen bey

solchen Verfolgungen die Wahl übrig, ob sie lieber ins

Wasser springen, oder sich in gleicher Nähe unter ei=

nem Dornbusch verkriechen wollen; so wählen sie alle=

mal das Wasser, stürzen sich beherzt hinein, und wis=

sen mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit zu

schwimmen. Dieses geschiehet besonders in dem Fall,

wenn es ihnen unmöglich ist, ihre Löcher wieder zu er=

reichen. Denn sie graben, wie die großen Feldmäuse,

Löcher in die Erde, oder verbergen sich auch wohl in ei=

nem verlassenen Kaninichenbaue. Man fängt sie leicht

in ihren unterirrdischen Wohnungen mit abgerichteten

Wieseln, welche sie eben so stark, als die Kaninchen,

verfolgen, und ihnen so gar noch hitziger nachzuspüren

scheinen.

Den Sommer über leben diese Thiere gern auf dem

Felde, wo sie von Früchten und Korne sich nähren; doch

sind sie dabay keine Verächter des Fleisches. Kleine

Kaninchen, junge Rebhüner, und anderes junges Feder=

vieh, sind nicht von ihren räuberischen Anfällen gesi=

chert. In Hühnerhäusern, wenn sie dahin gelangen,

machen sie es nicht besser, als der Iltis. Da würgen

sie viel mehr, als ihre Bedürfnisse fordern.

Gegen Ende Novembers entfernen sich die Müt=

ter und ihre Jungen, und überhaupt alle jungen Sür=

mülots vom Felde. Sie ziehen alsdann Scharenweise

nach den Scheuern, wo sie unersetzlichen Schaden stif=

ten. Sie zerbeißen das Stroh zu lauter Häksel, zeh=

ren viel Korn auf, und verderben alles Uebrige durch

ihren Unrath. Die alten Männchen bleiben auf dem

Feld, und wohnen, jedes allein, in seinem Loche. Im

Herbste pflegen sie daselbst wie die großen Feldmäuse,

ein Eicheln und Buchekkernmagazin anzulegen, das

Loch damit bis oben an den Rand anzufüllen, ihren

Aufenthalt selbst aber am Boden zu nehmen.

Die Erstarrung im Winter ist ihnen nicht, wie

den Siebenschläfern, eigen. Schöne Wintertage lok=

ken sie allemal hervor aus ihren Löchern. Die Sürmü=

lots, welche sich in Scheuern aufhalten, vertreiben aus

denselben die Ratzen und Mäuse. Man hat sogar seit

ihrer starken Vermehrung um Paris wahrgenommen,

dass es jetzo daselbst lange nicht mehr so viele Ratzen

giebt, als vor diesem.

Anhang nach Herrn Daubenton.

Obgleich der Sürmülot in Ansehung der Bildung

seines Körpers mit den Ratten viel Aehnlichkeit

hat, so unterscheidet er sich doch von ihnen, so wohl in

der mehreren Größe, als im erhobnen Bogen des Rük=

kens, der beym Ausgange des Schwanzes anfängt,

und nahe beym Hals, in der Schultergegend, sich en=

dingt. Er hat einen langen Kopf, eine dünne Schnauze

und sehr kurze Unterkinnbakken; breite, rundlichte

Ohren; schwarze, große, runde, sehr hervorstehende

Augen; auf dem Fell unterschiedene braune, rothfahle,

Aschfarbige und graue Schattierungen, an den Seiten

des Kopfs eine gelblichte Farbe, mit grauen, Aschfar=

bicht braunen Einsprengungen. Am Hals, an der

Brust und am Bauch ein schmutziges Weiß mit einer

leichten Schattirung von Aschfarbe. Die längsten

Hare sind ohngefähr einen, die Borsten des Knebel=

bartes beynahe zween Zolle lang, die Pfoten weiß, mit

einem sehr kurzen Har überwachsen. Der Schwanz

ist mit kleinen Schuppen in eben der Ordnung, wie

bei den Ratten, bedekket, zwischen welchen man eben=

falls kurze Hare bemerket. Herr Daubenton hat auf

einem 6 Zoll und 3 Linien langen Schwanz einer sel=

chen Waldratte zwey hundert solcher schuppichten Rin=

ge gezählet. Der Daumen an den Vorderpfoten ist

eben so kurz, als bey den Ratten, an den Hinterpfoten

aber wohl gebildet.

Das Geribbe des Sürmülot gleicht beynahe völ=

lig dem Rattengeribbe, so wohl in der Anzal und Figur,

als in der Lage der Knochen und Zähne.

 

Anmerkung.

Nach dieser alten Niederschrift kann man davon ausgehen, dass sich die ersten Wanderratten in Europa zwischen 1727 und 1728 ansiedelten und hernach rasant über den ganzen Kontinent verbreiteten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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