Die Wanderratte (Mus decumanus)

 

Dieser bereits schon wissenschaftliche Bericht über die Wanderratten wurde von Friedrich Justin Bertuch noch vor dem Ende des 18ten Jahrhunderts herausgegeben.

Friedrich Bertuch lebte vom 30.09.1747 bis 03.04.1822 in Deutschland. Johann Wolfgang von Goethe war mit Bertuch befreundet und hat ihn möglicherweise beim Schreiben unterstützt.

 

 

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Friedrich Bertuchs Wanderratte aus dem „Bilderbuch für Kinder“.

Diese „Kinderbücher“ waren jedoch höchst professionelle Werke.

Für Kinderhände wohl kaum geeignet.

 

 

 

 

 

Wie professionell die Beschreibung der Wanderratte in der damaligen Zeit bereits schon war, zeigt der nachfolgende Originalbericht aus Bertuchs „Bilderbuch für Kinder“.

 

Die Wanderratte.

Dieser beschwerliche Gast ist bey den Leuten unter dem Namen Erdratte bekannt genug.

Sonst nennt man sie auch Sürmilot. Man glaubt, dass dieses schädliche Thier nicht ur=

sprünglich in Europa zu Hause gehöre, sondern mit den Handelsschiffen einst aus Ostindien

herüber gekommen sey. Gewiß ist es, dass man im vorigen Jahrhundert noch nichts davon

wusste. Erst 1727 wurde es in Astrachan, in England 1730, und in Frankreich um das

Jahr 1753 bekannt. Einige Naturforscher haben es die Norwegische Maus genannt; aber

das ist ein sehr ungeschicklicher Name, da das Thier, so viel man weiß, so weit nordwärts

gar nicht angetroffen wird.

 

Die Wanderratte lässt sich von allen Mäusen sowohl durch die Gestalt ihres Leibes, als

durch ihre Farbe u. f. m. sehr leicht unterscheiden. Die Größe ist nach Beschaffenheit des

Alters und der Nahrung sehr verschieden. Die Höhe beträgt 3 und 3 ½ Zoll; die Länge des

Schwanzes allein acht Zoll und darüber. Der Kopf läuft von der Stirn an eyförmig in ei=

ne dünne Schnauze aus. Diese ist mit vielen Barthaare besetzt, wovon die längsten 2 bis

3 Zoll messen, und weißlich aussehen; die unteren sind viel kürzer und fallen ins Schwärzli=

che. Das Gebiß ist für ein so kleines Thier ausnehmend scharf und stark. Die Vorderzäh=

ne sehen braungelb aus, und die beyden untern haben eine Länge von ¾ Zoll. In jeder

Kinnlade stehen auf beyden Seiten drey viereckige gereiste Backenzähne; die Zunge ist lang,

dick und glatt; die Augen sind groß, schwarz und hervorragend; über denselben stehen 2 Zoll

lange Haare; die Ohren sind eyrund und unbehaart. Der Leib wird vom Halse an nach

hinten zu immer breiter. Der sehr gelenkige Schwanz läuft spitzig zu, und ist mit einer

Menge feiner Schuppen besetzt, zwischen welche kurze steife Härchen stehen, die bräunlich

aussehen. Die Beine sind dick, fast kahl und stark. Zwischen den Zehen befindet sich ein

kurzes Häutchen; daher diese Ratte schwimmen kann. An den Vorderfüßen sind vier Zehen

mit kurzen starken Nägeln, an den Hinterfüßen fünf.

 

Der Kopf ist von der Schnautze bis nach der Stirn aschgraubräunlich; von hier wird

die Farbe röthlich grau, an den Seiten blässer, und am Unterleibe schmutzig weiß. Ueberall

auf dem Oberleibe ragen einige lange schwärzliche Stachelhaare hervor, daher auch das Fell

dieser Ratte nicht weich anzufühlen ist.

 

Das Weibchen ist durch seine zwölf Saugewarzen, wovon sechs an der Brust und

eben so viel am Hinterbauche stehen, zu unterscheiden. Überdies stieht es auch auf den Rü=

cken mehr grau und am Unterleibe weißer aus; der Schwanz ist fast ganz weiß, die Vorder=

zähne sind ziemlich um die Hälfte kürzer, und das Fell fühlt sich weicher an.

 

In dem Betragen und den Sitten kommen die Wanderratten mit den Mäusen im all=

gemeinen überein. Sie nehmen dieselbe Stellung an, zeigen eben die Geberden, sind eben

so schnell und flink, wie diese. Sie haben eine helldurchdringende Stimme, welche einem

Pfeifen gleicht, aber zu einem wirklichen Geschrey ausartet, wenn sie sich in Todesgefahr be=

finden. Es sind äußerst zornige und wüthige Thiere, die sich, wenn ihnen die Möglichkeit

zum Fliehen genommen ist, keck ihrem Feinde entgegensetzen, und sich durch ihr scharfes Ge=

biß zu vertheidigen suchen. Sie springen sehr behende und wohl einige Fuß weit. Dieser

Geschicklichkeit bedienen sie sich, wenn sie in die Enge getrieben werden, und springen ihrem

Feind ins Gesicht. Man weiß nicht, ob sie dies aus List und Zorn, oder nur vor Angst

thun, um sich zu retten. Sie besitzen auch eine große Geschicklichkeit im Schwimmen, wel=

ches ihnen nicht nur die kurze Haut zwischen den Zehen, sondern auch ihr weites, lockeres

Fell, worin sie Luft einpumpen, erleichtert. Sie gehen daher auf Teiche und Bäche, und

holen auch wohl da ihren Fraß. Man hat sie selbst unter dem Wasser auf dem Boden lau=

fen sehen.

 

Sie sind zur Verwunderung schlau und listig, und scheinen mit Ueberlegung zu handeln.

Dies sieht man theils daraus, wie sie sich ihres Raubes zu bemächtigen wissen, theils aber

und vornämlich aus der Behutsamkeit, ihr Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sind sie z.B.

an einem Orte, wo sie reichliche Nahrung fanden, ein einzigesmal nur mit äußerster Noth

davon gekommen, so unterlassen sie zwar nicht, den Ort wieder zu besuchen, aber sie verges=

sen aber auch nicht, Anstalten zu machen, welche sie von der bedrohenden Gefahr schützen. Die=

se Anstalten bestehen darin, dass sie sich entweder mehrere Ausgänge oder sichere Schlupfwin=

kel verschaffen. Es kann ihnen dies bey ihrem scharfen Gebiß und der Geschicklichkeit im

Wühlen gar nicht schwer werden. Wie zerfressen oder zernagen in kurzer Zeit alte nicht mehr

ganz feste Schwellen, Säulen und Breter, und verschaffen sich Eingang. Finden sie zwischen

den Steinen auf dem Fußboden in Küchen, Fluren, Ställen und dergleichen einen Raum,

wodurch nur ihr Kopf geht, so scharren sie die dazwischen liegende Erde auf, wühlen unter

den Steinen fort, und gelangen an Oerter, wo man ihre Ankunft nicht begreift. Sie ver=

stehen die Schlupfwinkel sehr gut zu wählen, wo sie wissen, dass man ihnen nicht beykom=

men kann, und hier sitzen sie und lauschen ganz still, so lange, bis sie keine Gefahr mehr

zu befürchten haben.

 

Da sie von einem Orte zum andern ziehen, so hat man sie Wanderratten genannt.

Ihr gewöhnlicher Aufenthalt im Sommer ist im Felde, an hohen und durchlöcherten Ufern

der Flüsse und Bäche; besonders trifft man sie an den steinernen oder breternen Ufereinfassun=

gen in und neben Städten und Dörfern, bey Mühlen, unter Wehren und an ähnlichen Or=

ten an. In den Mühlen halten sie sich gern in den Winkeln und Schlüften, besonders in

den Radestuben auf. Im Winter ziehen sie sich nach den Wohnungen der Menschen, meiden

aber meistens alle Wohnzimmer, und kommen in die oberen Stockwerke gar nicht. Auf Ge=

treideböden hat man daher nichts von ihnen zu fürchten; desto lästiger werden sie unten. Von

alten nicht mehr festen Häusern sind sie gar nicht abzuhalten. Sie untergraben die Schwel=

len, durchfressen sie, wie gesagt, wenn sie morsch sind, und dringen ein. Wenn sie einmal

Gänge gemacht haben, so hilft kein Verstopfen. Zerstörtes Glas, Topfscherben, Steine

und dergleichen, die sonst, die Löcher fest einstoßen, so manchem Ungeziefer den Weg ver=

rennen, helfen bei den Wanderratten nicht. Sie scharren und wühlen alles in einer Nacht

hervor, und wenn man es noch so fest eingeschlagen zu haben glaubt. Oft erblickt man am

Morgen Blut an den Scherben. Ein guter, einige Fuß tiefer, von Steinen und Kalk auf=

geführter Grund, der ebenfalls einige Fuß über der Erde herauf geht, gute feste eichene

Schwellen oder Mauerwerk verhindert ihnen das Eindringen in die Gebäude. Man muß

aber überdies noch alle Löcher von Rinnen, Gossen und dergleichen des Nachts verstopfen,

oder mit Eisendrahtgittern verwahren. Sie können den Häusern durch ihr Untergraben be=

trächtlichen Schaden zufügen. Ihre Wohnung nehmen diese Thiere theils in eigenen Löchern,

die sie sich machen, theils in vorgefundenen und solchen, welche von Hamstern und Maul=

würfen gegraben sind. Durch die Maulwurfsgänge, die sich im Winter nach den Landge=

bäuden ziehen, wird es ihnen leicht, hier anzukommen.

 

Die Wanderratten vermehren sich sehr stark, und paaren sich zeitig im Frühjahr, nach

Beschaffenheit der Witterung im März oder April, und zwar zwey = nicht selten

auch dreymal im Jahre. Daß eine Mutter 12 bis 20 oder 21 Junge auf einmal bringe,

wie man behauptet, scheint nach sichrer Erfahrung gar nicht gegründet. Es sind ihrer vier

bis sechs, und oft noch weniger. Sie liegen in den Rattenlöchern auf einem weichen Neste,

dass ihnen die zärtliche Mutter zubereitet, und kommen, wie alle Mäuse, blind zur Welt.

So lange sie nicht mitlaufen können, versorgt sie die Mutter. Sind sie aber von der Größe

einer Hausmaus, so gehen sie mit ihr aus auf Nahrung, werden von ihr angeführt, und bey

Gefahr grimmig vertheidigt. Die Jungen sind zwar behend und schnell, aber lange nicht so

verschlagen wie die Alten, und daher weit eher zu fangen. Bisweilen paaren sich

Wanderratten und Hausratten zusammen, wodurch Bastarde entstehen.

 

Die Nahrung dieser Thiere besteht in Produkten des Thier und Pflanzenreichs; sie schei=

nen aber jenes vorzuziehen. Fleisch, Fett, z. B. Speck und dergleichen, roh oder gekecht

lieben sie am meisten. Sie fressen sogar die fettige Schmiere aus den Pfannen der Mühl=

räder. Ihre Begierde nach Fleisch macht, dass sie junges Federvieh sogar am Tage tödten und

fortschleppen. Im Frühjahre 1798, da sie sich in unsern Gegenden in der Stadt und auf

Dörfern in so großer Menge befanden, büßte mancher Landmann seine jungen Gänse durch

die Wanderratten ein. Sie überfallen junge Gänse, Enten, Hühner und Tauben, wie der

Marder, werfen sie nieder, und beißen sie todt, wenn die Alten nicht gleich in der Nähe sind.

Ja, sie fallen wohl gar alte Hühner und Tauben mit vereinigten Kräften an, und tödten

sie. Von Taubenschlägen muß man sie besonders sorgfältig abzuhalten suchen. Da sie ge=

schickt klettern, so steigen sie in die Nester, und fressen Junge oder Eyer auf.

 

Von Vegetabilien fressen sie alles, was nur Mäuse fressen. Sie durchnagen die Ge=

treidesäcke, beißen die Aehren auf dem Felde ab, verzehren Wurzeln, Rüben, Knollen und

allerley Gesäme. Im Walde fressen sie die Eicheln und Bucheckern und dergleichen. Auf

Käse sind sie besonders begierig. Kartoffeln nehmen sie gekocht und roh. Sie begnügen sich

nicht an so viel, als sie zur Sättigung brauchen; sondern schleppen das übrige fort, und

häufen es als Vorrath auf. Ein Paar sind im Stande, in einer Nacht über eine Metze

Kartoffeln und andere Nahrungsmittel wegzutragen. Man entdeckt bisweilen dergleichen ein=

getragenen Vorrath in ihren Schlupfwinkeln. Wenn ihnen im Winter alle Mittel benom=

men sind, ihre Gefräßigkeit zu befriedigen, so gehen sie an Menschkoth; daher halten sie

sich so häufig in heimlichen Gemächern auf.

 

Die Wanderratten sind schwer zu vertilgen, theils ihrer Schlauigkeit wegen, theils,

weil man ihnen nicht gut beykommen kann in ihren Höhlen. Es lassen sich jedoch alle die

Mittel gegen sie anwenden, wodurch Ratten und Mäuse überhaupt vertilgt werden. Fallen

dürfen nicht mit schweißigen, und nicht einmal gerne mit bloßen Händen angegriffen werden,

wenn sie hinein gehen sollen. Da sie eine ausnehmend feine Witterung haben, so fürchten

sie Gefahr, und vermeiden sie. Mit gebratenen Speck und Zwiebeln, desgleichen mit ab=

geschälten Zuckerwurzeln kann man sie anlocken.

 

Schwache Katzen wagen sich nicht an sie, denn diese fürchten das scharfe Gebiß: alte

muthige und starke Kater aber würgen sie. Auch Hunde, – wenigstens manche – pflegen

sie begierig zu tödten. Vor diesen haben die Ratten eine unbeschreibliche Furcht, welche sie

durch ängstliches Hin und Herlaufen und durch jämmerliches Scheyen zu erkennen geben.

Auch der Uhu tödtet und friß sie; der Hund aber rührt ihr Fleisch nicht an.

 

Das Fleisch sieht zwar gut und fast wie Kaninchenfleisch aus, hat aber einen widrigen

Geruch; so dass es nicht bloßes Vorurteil ist, warum man diese Thiere, die oft sehr fett

sind, nicht isset. Dennoch findet es seine Liebhaber. Viele asiatische Völkerschaften rechnen

Wanderratten zu ihren Leckereyen. In Afrika, und insonderheit auf Guinea, werden sie

von den Negern mit Haut und Haaren gebraten und gegessen.

Dort bringt denn das Thier Nutzen, was hier bey uns nur Schaden anrichtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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