Wien, 31 Mai 1939

 

Herr Hans Spiel berichtet.

 

Hochgeschätzter Herr Eipeldauer!

 

            Heute möchte ich Ihnen gern eine unsrer Erfahrungen auf dem Gebiete der

Wühlmausbekämpfung mitteilen, die uns als völlig neu erscheint: Wie überall in

unsrer Umgebung haben wir in den Obstgärten sehr unter Wühlmausschäden

zu leiden. Nicht nur junge Bäume werden angenagt und zum Teil ganz abgefressen,

auch ein fünfundzwanzigjähriger Buschbaum mit einem Stammdurchmesser von

28 Zentimeter wurde an den Wurzeln derart kahlgefressen, dass er einging. Der

Baum liegt noch im Schulgarten, wo er besichtigt werden kann. Wir fangen ja viele

weg mit Schweizerfallen und Pattenkoferfallen, aber jedes Frühjahr müssen wieder

einige Bäume entfernt werden, so sehr sind sie abgefressen. Seit einigen Tagen

bemerkten wir nun in einem Blumenbeet täglich morgens einige offene Löcher in

der Erde, die einen Durchmesser von 2 bis 2½ Zentimeter hatten. In der Umgebung

dieser Löcher lagen abgebissene Triebe und Blätter von den herumstehende Nelken=

stöckerln, die zum Teil oberirdisch bis auf die Wurzelstöcke abgenagt waren.

Wurzelschäden waren nirgends zu bemerken. Trotz streuen von Kortillan, Terrasan

und Eingießen von Petroleumwasser in diese Löcher hörten diese Schädigungen nicht

auf, täglich waren neue offene Löcher und rundherum abgebissene Triebe festzustellen.

In einige dieser Löcher waren einzelne, in manchen ganze Büschel solcher abgebissener

Triebe und Blätter hineingezogen. Was konnte das für ein Schädling sein?

            Mein Nachbar kam auf den Gedanken, ein solches 2½ Zentimeter großes Loch

so weit zu erweitern, dass er eine Wühlmausfalle anbringen konnte. Zu unserer großen

Überraschung war heute morgen tatsächlich eine junge Wühlmaus in der Falle gefangen.

Damit sie es glauben, schicke ich ihnen diese Wühlmaus zur Bekräftigung zu. Außerdem

sind wieder weitere neue offene Löcher und abgebissene Triebe vorhanden.

            Noch eine interessante Tatsache aus unseren Wühlmausfänger – Erlebnissen!

Wir haben heuer Mitte April aus einem und demselben Wühlmausgang knapp hinter=

einander zwei große, ausgewachsene Tiere mit der Pattenkofen – Falle gefangen.

            Weiter: Wir beobachteten vom Fenster aus, wie zwei Krähen aufgeregt immer

zu Boden stießen, wie ein kleines Tier immer wieder vom Boden aufhüpfte und die

Krähen abwehrte. Als wir hinliefen, stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass

die Krähen eine große Wühlmaus verfolgten, die dann von unserem Schäferhund

sofort geschnappt und apportiert wurde.

            Weiter: In einer Reihe stehende Apfel und Birnspalierbäumchen wurden von

der Wühlmaus im vorigen Spätherbst gründlichst unterwühlt. An oder abgefressen

waren jedoch nur die Apfelbäumchen, während die Birnbäumchen ganz unbenagt blieben.

 

Textfeld:

 

 

 

 

 

 

 

Hierzu eine Zeichnung vom Maler Leo Friedrich.

Wühlmausfraß an Baumwurzel.

 

 

 

 

 

 

            Heuer versuchen wir zur Abhaltung der Wühlmäuse die Euphorbia lathyris

auf Baumscheiben und Spalierobstbeeten zu pflanzen. Über den Erfolg berichten wir

ihnen gern, wenn es sie interessiert.

 

                                               Hochachtungsvoll

                                                                       Hans Spiel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                      zurück