Wien, Dienstag 24 Dezember 1946

 

Herr Ing. Hugo Hartmann schreibt.

 

Die Wühlmaus und ihre Bekämpfung.

                                                           Teil 1

 

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Zeichnung von Hugo Hartmann

1.) Wühlmaus.

 

 

 

 

 

            Man unterscheidet zwei Arten von Wühlmäusen. Besonders gefährlich ist die große

Wühlmaus (Arvicola terrestis L), auch Schermaus oder Wühlratte genannt, als einer der

größten Feinde unserer Obstbäume mit Recht gefürchtet. Sie misst ohne Schwanz, der

ungefähr halb so lang als der Körper ist, 14 bis 15 cm, ist braun bis dunkelgrau gefärbt, am

Bauch etwas heller. Sie gräbt ein weit sich erstreckendes Gangsystem, und zwar im festen

Boden oft dicht unter der Erdoberfläche. Im garten oder feldmäßig bearbeiteten Boden geht

sie in die Tiefe unterhalb der bearbeiteten Schicht. Die von ihr ausgeworfenen Erdhaufen

unterscheiden sich von jenen des Maulwurfs, dass sie nicht so hoch und durch Unregelmäßigkeit

und grobe Schollen gekennzeichnet sind. Die Wühlmaus nährt sich ausschließlich von Pflanzen=

teilen, besonders von saftigen Wurzeln, von denen sie sich Wintervorräte anlegt. Wie erwähnt,

greift sie die Wurzeln der Obstbäume, und zwar mit Vorliebe jene der jungen, an, die sie oft

zur Gänze abnagt, sodass einem der Baum wie ein Stecken in der Hand bleibt. Etwas ältere,

nicht mehr angebundene Bäume fallen eines Tages um. Bäume bis zu 10 cm Durchmesser und

darüber fallen ihrer Gefräßigkeit zum Opfer. Schon ein auffallendes Kränkeln der jungen

Zweige bald nach dem Austrieb soll uns ein warnendes Zeichen sein, dass der Baum vielleicht

von einer Wühlmaus angegriffen wird.

 

Der Wurzelstumpf.

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Zeichnung von Hugo Hartmann

2.) Abgefressene Baumwurzel.

 

 

 

 

 

 

 

             Es ist wohl selbstverständlich, dass ein so gefährlicher Schädling, der nicht nur im

Gemüsegarten schweres Unheil anrichtet, sondern den Bestand einer Obstanlage in Frage

stellen kann, mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Die Bekämpfung muss rechtzeitig vor=

genommen werden, denn wenn die Bäume anfangen, umzufallen, ist es schon zu spät. Und die

Bekämpfung muss richtig durchgeführt werden, wenn sie Erfolg haben soll. Die Voraussetzung

hierfür ist eine genaue Kenntnis des Schädlings und seiner Lebensgewohnheiten. Aeußere

Anzeichen seiner Anwesenheit sind manchmal Risse in der Oberfläche, besonders im Grasland,

immer aber unregelmäßige, grobschollige Erdhügel, die sich von den regelmäßigen des Maul=

wurfs deutlich unterscheiden. Noch deutlicher ist aber der Unterschied in den unterirdischen

Gängen. Ist der aufgefundenen Gang zwei Finger breit, kreisrund, sauber und glatt ausgeputzt,

vorhandene Wurzeln nur beiseite geschoben, so ist es ein Maulwurfsgang. Ist er aber drei

Finger breit und breiter, eirund, mit abgebissenen Wurzeln und ohne besondere Sorgfalt gegraben,

so ist es ein Wühlmausgang. Gänge, wo Wurzeln hineingewachsen sind, Steinchen umherliegen

oder sich Schnecken vorfinden, sind unbewohnt.

 

Das Werkzeug für die Bekämpfung.

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Zeichnung von Hugo Hartmann

3.) Schweizerfalle

4.) Suchstock

5.) Mausermesser

 

 

 

 

 

 

 

 

            Die beste und billigste Bekämpfungsart ist das Fangen mit Zangenfallen. Diese waren

schon vor Jahrzehnten gebräuchlich, wurden in der Schweiz verbessert und sind jetzt als

Schweizerfallen bekannt. Die richtige Anwendung solcher Fallen führt immer zum Erfolg.

Dazu ist es vor allem notwendig, die Lage des Ganges zu bestimmen, wozu man mit Vorliebe

einen Suchstock aus Eisen, der etwas über seinem unteren Ende eine knollenförmige Verdickung

hat, verwendet. Wem die Beschaffung eines eisernen Stockes Schwierigkeiten macht, kann sich

einen solchen auch aus hartem Holz schnitzen. Dieser Suchstock wird nun an der Stelle, wo man

nach äußeren Anzeichen einen Wühlmausgang vermutet, wiederholt in den Boden hineingedrückt

Trifft man hierbei auf wenig Widerstand, und gibt der Stock dem Druck rasch nach, so ist man auf

einen Gang gestoßen. Man trachtet nun in der Nähe noch weitere solche Stellen aufzufinden, um

den Verlauf des Ganges festzulegen. Nun legt man diesen Gang vorsichtig auf eine Länge von

30 bis 40 cm frei, wozu man sich eines kleinen Spatens oder einer kleinen Haue, noch besser

eines eigenen Mausermessers bedient. Es ist bei lockerem Boden unvermeidlich, dass bei dieser

Freilegung ein oder beide Ausgänge des Ganges verschüttet werden. Man trachtet dann, mit einer

kurzen Rute oder auch mit der bloßen Hand, die vorher mit Erde gründlich abgerieben wird, diese

beiden Gangöffnungen wieder frei zulegen. Jetzt untersucht man den Gang, ob er von einem Maul=

wurf oder von einer Wühlmaus herrührt und ob er bewohnt ist. Um sich hierbei Gewissheit zu

beschaffen, lässt man den Gang offen und sieht erst nach zwei bis drei Stunden wieder nach. Ist

er bewohnt, so wird er nach dieser Zeit säuberlich verstopft vorgefunden werden. Der Maulwurf

verstopft zwar einen freigelegten Gang auch, aber nicht so sorgfältig wie die Wühlmaus.

 

 

                                                           Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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