Wien, 10 Juni 1874

 

Vertilgung der Feldmäuse und Wühlmäuse zur Zeit, wann nur

wenige derselben vorhanden sind.

 

            Hier und da hört man sagen, es sei ganz unnöthig, die Mäuse zu vertilgen, wenn

man nur sehr selten Mäuselöcher auf dem Felde findet, und da noch, wie wir es in man=

chem Jahr erlebt haben, die Natur selbst schon dafür sorgt, dass sie wieder verschwinden,

wenn einmal zuviel entstehen sollten. In der That werden die Mäuse in manchen Jahren

selten, und ohne Zweifel dürfte es sehr schwer halten, ein Mittel zu finden, dass so energisch

mit denselben aufräumte, als es die Natur zu thun vermag. Aber der Schluss, dass deshalb

der Landwirth nichts gegen die Mäuse vorzunehmen brauche, scheint mir denn doch ganz

außerordentlich unrichtig.

            Zunächst sind die Mäuse nicht so vollständig verschwunden, wie Mancher anzunehmen

geneigt ist. Da und dort trifft man an Rainen oder auf hochgelegenen Klee oder Luzerneäcker

ziemlich viele Mauselöcher, die wohl zeigen, dass noch genügend dieser schädlichen Thiere

vorhanden sind, um bei der großen Vermehrungsfähigkeit derselben selbst im Laufe des Jahres

wieder außerordentlich großen Schaden hervorzubringen. Die Feldmaus alleine wirft vom

März bis zum Spätjahr alle 6 – 8 Wochen 6 – 12 Junge, welche nach 8 Wochen wieder Junge

erzeugen, so dass sich ein Mäusepaar in einem Sommer auf 23000 und noch mehr Stück verm=

ehren kann. Es wird nicht schwer sein, einzusehen, dass man gerade jetzt im Frühjahr alle

mögliche Mühe darauf verwenden sollte, die alten mit sammt den jungen Mäusen zu zerstören

            Ich habe schon wiederholt darauf hingewiesen, dass das beste, jetzt bekannte Mittel, die

Wühlmäuse zu tödten, der Rauch ist.

            Das legen von Gift hat so große Nachtheile, dass man auch zu einer Zeit, wo es kein

besseres Mittel gab, im Zweifel war, ob man dadurch mehr schadet oder nützt. Ich führe als

Beleg nur an, dass in einer Gemarkung Gift gegen die Mäuse gelegt wurde und in Folge dessen

in der Umgebung 5 todte Mäusebussarde gefunden hat. Es ist nun sehr fraglich, ob diese Bussarde

und die vielen anderen Raubthiere, nicht mehr Mäuse verzehrt hätten als das Gift getödtet hat.

            Zur Erzeugung es Rauchs können so zusagen Räucherröhren oder die Mäuseräucherer

verwendet werden. Die Räucheröfen sind da, wo sich sehr viele Mäuse befinden, ohne Zweifel

ganz geeignet, doch ist ihre Anwendung etwas schwierig und werden sie da nicht passen, wo

nur hier und da einmal ein Mausloch gefunden wird.

            Die Anwendung der Mäuseräucherer oder Räucherpatronen ist äußerst einfach. Sie

werden an einem brennenden Streichhölzchen, an einer Lunte oder dem Lichte eines Laternchens

angezündet, rasch in das Mausloch gesteckt und diese mit einer Erdscholle oder einem Steine

zugedeckt, oder so zugetreten, dass der Mäuseräucherer nicht zerdrückt oder mit Erde bedeckt

wird. Noch besser ist es allerdings, mittels eines kleinen Blasebalgs den Rauch in das Mausloch

hineinzutreiben. An die vordere Oeffnung des Blasebalgs befestigt man einen durchbohrte Korken

oder ein durchbohrtes Bretchen in der Weise, dass das Loch damit abgeschlossen werden kann.

            Da die Mäuseräucherer leicht und klein sind, so kann man je einige Hundert mitnehmen,

wenn man auf das Feld geht (etwa 300 wiegen ein Pfund), und kann überall, wo man ein Mausloch

findet, einen brennenden Räucherer hinein werfen. Noch besser ist es, Abends die Löcher zuzutreten

und den anderen Tag die Räucherer anzuwenden, wo die Löcher wieder geöffnet sind.

 

            Über die Anwendung der Mäuseräucherer will ich noch bemerken:

 

1.)   Überall, wo man Rauch zum Vertilgen von Feldmäusen und Wühlmäusen anwendet, ist

es viel besser, von der Seite des Feldes anzufangen, von wo der Wind kommt. In diesem Falle hilft

der Wind mit, den Rauch in das Loch hinein zu treiben, im anderen Falle hat er aber die entgegen=

gesetzte Wirkung.

 

2.)   Einen wesentlichen Antheil an der erstickenden Wirkung hat die schwefelige Säure. Da

aber jeder Schwefel, der im Innern der Mäuseräucherer enthalten ist, nicht oder nur zum kleinsten

Theil zum Entstehen dieser Säure beiträgt, so sollte man nur solche Mäuseräucherer anwenden, bei

welchem sich an der äußeren Seite Schwefel befindet. *

 

3.)   Das Anzünden findet an einer Ecke des Mäuseräucherers statt, wo sich kein Schwefel

befindet. **

 

4.)   Die entzündeten Mäuseräucherer sollten möglichst so in das Mausloch gesteckt werden,

dass die beschwefelte Seite oben ist.

 

 

*) Billige und sehr gute Mäuseräucherer (Räucherpatronen) erhält man durch das k.k.conc. land und

forstwirtschaftliche Verkehrsbuerean Wien, I. Nibelungengasse 7.

 

**) In diesem Falle kann man die Mäuseräucherer auch an einer brennenden Zigarre anzünden, ohne

das letztere im Geringsten einen Geschmack annimmt.

 

 

                                                           Gezeichnet am 10 Juni 1874

 

                                                                                              Prof. Dr. J. Neßler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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