Wien, 2 October 1878

 

Ein Bericht von Julius Dürr

 

Gegen die Feld und Wühlmäuse.

 

Nicht nur gegen Raupen und Maikäfer sollten unsere Bodenculturgesetze ihre Spitze richten,

sondern auch gegen die Menge ganz anderer, noch viel größerer Uebel, deren Bekämpfung dem

Einzelnen unmöglich ist, die nur durch ein gemeinsames Vorgehen, das heißt, durch Theilnahme

eines jeden Landwirths an dem Vernichtungskampfe beseitigt werden können. Da sehen wir z. B.

die Kleeseide. Deren Ausbreitung nimmt von Jahr zu Jahr zu, trotzdem Einzelne mit allem Fleiße

und allen Mitteln an der Ausrottung am Felde, an die Reinigung des Samens vor der Saat gehen.

Der lässige Nachbar thut jedoch nichts dagegen und die Kleeseide erscheint deshalb immer wieder

auch auf dem Felde des fleißigen Landwirths. Dasselbe gilt von den Feld und Wühlmäusen, welche

im vorigen Jahre Tausende Hektare Herbstsaat vernichteten und die auch heuer wieder in vielen

Gegenden ihr Unwesen treiben, hiebei wahrlich mehr Schaden verursachen als Hagelschlag und

Weizenbrand oder Bettlerseuche und Coloradorummel.

            Es ist freilich viel nobler, gegen Coloradokäfer, Reblaus und Borkenkäfer loszuziehen, ja

es fällt gar nicht auf, wenn gesetzgebundene Körperschaften und innerhalb derselben Minister und

Hofräthe und wohl – hochwohl und höchstgeborene Abgeordnete tagelang über dieses Ungeziefer

debattieren, während eine gleiche Aufmerksamkeit, der Wühl und der gemeinen Feldmaus zugewandt,

doch allseits als nicht standesgemäß beurtheilt werden dürfte.

            Dieses uneingeschränkte Heimats und Freizügigkeitsrecht benützend, vermehrt sich die

Mäuseplage Jahr zu Jahr, und viele Leute gibt es, die da glauben, es seien die Mäuse zugewandert,

obwohl noch Niemand einem solchen Reisezug begegnet, von dem wir aber bei anderen schädlichen

Thieren, z. B. der Kohlraupe, der Heuschrecke und dergleichen schon öfters gehört oder den wir auch

selbst beobachtet haben. Die Feld und Wühlmäuse tauchen meist nach der Ernte erst in größeren Mengen

sichtbar auf und sind nicht zugereist, sondern haben dort das Licht der Welt erblickt, wo sie Korn und

Saat vernichtend angetroffen werden. – Es dauert oft nicht lange, und sie verschwinden wieder; dann

glauben Manche, sie wären fortgezogen, währendem sie – wie ja leicht zu constatiren ist – irgend einem

Elementareinflusse oder auch einer ruhrartigen Krankheit zum Opfer fielen.

            Alles Schädliche vermehrt sich bekanntlich am schnellsten und oft bis ins Ungeheuerliche; auch

die Vermehrungsfähigkeit der Feldmäuse und Wühlmäuse ist eine ganz enorme. Bei diesen Bestien sind

immer drei Viertheile Individuem weiblichen Geschlechtes, die schon im März Mutterfreuden genießen,

welche sich alle 4 – 6 Wochen wiederholen, wo stets 8 – 12 Nachkömmlingen das Dasein gegeben wird.

In acht Wochen setzt das weibliche Junge das Geburtsgeschäft unter eigener Firma fort und in ebenso

lange Zeit folgt die dritte Generation. Dies dauert bis zum October. Eine Muttermaus soll im Laufe eines

Sommers eine Nachkommenschaft von 10 – 20000 Stück haben, woran sich jeder erinnern sollte, dem

eine Maus in den Weg kommt.

            Kann es bei so einer reichen Nachkommenschaft Wunder nehmen, wenn von einigen Hundert glück=

lich durch den Winter gekommenen Mäusen, welche im Frühjahr nicht vernichtet wurden, sich im Herbste

auf der Stoppel Millionen Nachkommen finden? Gegen diese Massen ist dann der Landwirth ohnmächtig,

oder er thut doch so, indem er sich damit entschuldigt, dass die Menge des Ungeziefers zu groß, seine Mittel

und Kräfte zu gering seien. Und er lässt fünf gerade sein und thut – gar nichts!

            Das ist aber eine falsche Procedur. Es ist vielmehr nothwendig, dass auf den Aeckern das ganze

Jahr hindurch entweder mit der Hacke, dem Besen und der Falle, oder mit Räucheröfen, Räucherkerzen und

Gift gegen die Mäuse gewüthet werde, was sich auch bei den meisten Feldarbeiten, beim Einfechsnen, Ackern

und der Saat leicht bewerkstelligen lässt. Im Herbst sind so viele Mäuse da, dass die Vernichtung leicht, das

Resultat groß ist; aber im Frühjahr ist es geradezu eine Gewissenssache für jeden Landwirth, die über den

Winter hinausgekommene Remonte mit allen Kräften bis zur „letzten“ Maus zu vertilgen.

            Unter den vielen Maßregeln, welche man im vorigen Jahre den Landwirthen anrieth, vermissen wir

eine, und zwar die wichtigste, nämlich: Gemeinschaftliches Vorgehen, allgemeines Zusammenwirken bei allen

Vertilgungsmaßregeln; nicht dass ein Feldbesitzer dagegen loszieht, während der Nachbar ruhig zusieht und

hiermit für Erhaltung des Mäusestammes sorgt. Die Parole soll sein: Alle zu gleicher Zeit und Jeder auf seiner

Flur.

            Als erstes Mittel zur Vertilgung stellen wir den seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland gebräuchlichen

Jülichschen Räucherofen hin. Mit diesem Apparate wurden schon gewaltige Feldzüge in Mäusejahren mit viel

Erfolg ausgeführt, weshalb dessen Anschaffung oder Anfertigung, welche mit drei bis fünf Gulden zu bestreiten

ist, nicht genug empfohlen werden kann. Der Jülichsche Räucherofen, sieht beiläufig aus wie ein Wurstkessel,

oder wie das Stück eines Ofenrohres; er ist ungefähr 48 Centimeter (18 – 20 Zoll) hoch, hat unten 18 Centimeter

(7 Zoll), oben 21 Centimeter (8 Zoll) im Durchmesser; dieser Blechzylinder ist oben und unten mit einem Deckel

verschlossen; aus dem untern führt ein Rohr herab, dass in das Mäuseloch eingeführt wird, im oberen Deckel

ist ein Mundstück, in welches ein kleiner Blasebalg eingesteckt ist. Durch den Blasebalg wird das im Ofen

befindliche und angezündete Brennmaterial zum erglühen gebracht, jedoch unter Einem zugleich der Rauch nach

abwärts getrieben. Als Brennmaterial dient Kohle, wozu man nach und nach erbsengroße Stückchen Schwefel

wirft, damit der Rauch auf die Mäuse erstickender einwirke.

 

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Der Jülichsche Räucherofen.

Es werden die Maße gezeigt.

Das Gerät ist hierbei auf dem Kopf gestellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Textfeld:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Räucherofen mit Blasebalg im Einsatz.

Im Untergrund zwei fliehende Mäuse.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

            Nun zum Verfahren: Sobald im Frühjahre die Felder soweit abgetrocknet sind, dass man hineintreten kann

und den Mäusen ihre Minirabeit möglich wurde, lässt man durch Kinder die Mäusereviere absuchen und kleine,

jedoch sichtbare Stöckchen, auch Strohwischeln in jedes Loch stecken. Hierauf kommt der Räucherer und dreht

das untere Rohr des Ofens in jenes Loch ein, wo beiläufig die meiste Erde liegt, und treibt mit dem Blasebalg

den Rauch hinein. Fast augenblicklich sieht man bis auf 15 Schritt Entfernung aus allen Mauslöchern oder der

lockern Erde über den Mäusegängen den Rauch aufsteigen; nun fangen zwei Kinder oder Arbeiter an, mit einem

hölzernen Hammer alle Mauslöcher, wo der Rauch herauskommt, rasch zuzuschlagen, worauf noch eine bis

zwei Minuten lang geräuchert und sodann auch das Räucherloch zugeschlagen wird. Der Erfolg ist, dass sämtliche

Mäuse, alt und jung, in dem betreffenden Mäusereviere, das mit seinen Röhren untereinander zusammenhängt,

erstickt sind; binnen weniger Minuten wird 15 bis 20 Mäusen das Lebenslicht ausgeblasen und es lassen sich mit

einem Ofen und einigen Knaben sehr leicht zwei bis drei und auch mehr Hektar Land ganz von Mäusen befreien.

            Es bleibt nichts übrig, als solche Dinge anzuschaffen, will der Landwirth seiner Saaten nicht theilweise

verlustig werden. Unter den Vergiftungsmitteln lässt sich im Großen und ohne viel Kosten nur der Stangen=

phosphor empfehlen; 1 Kilo langt für 12 – 20 Hektar. Man nimmt zwei bis drei solcher Stangen und löst sie im

Wasser von 40 – 50 Grad Wärme auf, rührt ungefähr 1½ Kilo Kornmehl dazu, damit ein dünner Brei wird.

Hierauf werden kurze, circa 12 – 16 Centimeter lange Strohhalme durch den Brei gezogen und gut über die Maus=

löcher am Felde gelegt. Angeregt durch den Geruch des Kornmehlbreies zieht die Maus den Halm hinab, frisst

vom Brei und geht darauf. Der Brei muss stets frisch gemacht werden. (1 Kilo dieses Phosphors stellt sich auf

4 – 6 Gulden, je nach dem Bezugsorte.)

            Hauptsächlich wird jedoch auch jede Maus vertilgt werden müssen, wo sie sich zeigt, besonders beim

Ackern. Mit gewissen Rücksichten kann auch das Austreiben von Schweinen nützlich sein, welche grimmige

Mäusefeinde sind. – Es ist eine unverzeihliche Gleichgiltigkeit und Nachlässigkeit, gegen Mäuse nichts zu thun,

weil ihrer nur wenige sind; die große Nachkommenschaft in Mäusejahren rührt jedoch davon her und – die

Moral ergibt sich wohl von selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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