Wien 1877

 

Karl Fischer, pensionierter Pfarrer, schreibt.

 

Die Vertilgung der Wühlmäuse und Feldmäuse mittelst des Gülich’schen Räucherofens.

 

            Millionen Gulden gehen fast jährlich der Landwirtschaft durch die Verwüstungen verloren, welche die Wühl

und Feldmäuse an den Feldfrüchten in den Gegenden anrichten, deren Bodenverhältnisse die Ansiedelung dieser Plage=

geister besonders begünstigt. Ungeachtet aller gangbaren Vertilgungsmitteln – Vergiftung, Erdbohrer, kleiner Holzröhrchen

mit einer Drahtschlinge, welche man in die befahrenen Mäusegänge stellt, Ausgießen der Löcher mit Wasser und so weiter,

ist es doch nicht möglich, zeitweise enorme Beschädigungen abzuwehren. Alle diese Vertilgungsmittel schaffen keine

gründliche Abhilfe! Denn, was will die Tödtung von bestenfalls täglich ein paar hundert Mäusen sagen in einer Zeit (August,

September), wo der tägliche Zuwachs durch die Nachkommen nach vielen Tausenden, vielleicht auf größeren Fluren nach

Millionen zählt! – Eine radicale Hilfe gewährt einzig und allein der Beginn des Vertilgungskrieges im zeitlichsten Frühjahre,

nöthigenfalls seine Fortsetzung bis zum Herbste, und zwar mit Hilfe des Gülich’schen Räucher oder Dampfofens.

 

Der Dampfofen aus doppelt starkem Eisenblech angefertigt, besteht aus einem Rohre von 48 Ctm. Höhe in der Form

eines gewöhnlichen Ofenrohrs, mit einem Durchmesser oben von 21 Ctm. und unten von 18 Ctm. Durch einen Deckel von Eisen=

blech aa ist das Rohr oben fest verlöthet; in der Mitte dieses Deckels ist jedoch ein eisernes, nach unten offenes Mundrohr

b von 5 Ctm. Höhe und3 Ctm. Durchmesser fest vernietet, um durch dasselbe beim Räuchern mittelst eines Handblasebalges,

der vorn eine 10 Ctm. lange eiserne Spitze haben muss, das lebhafte Erglühen des Brennmaterials zu befördern und den Rauch

in die Mäusegänge zu treiben. Unten ist dagegen das Rohr offen. Um jedoch das Herausfallen des Brennstoffes zu verhüten,

befindet sich 12 Ctm. über der unteren Öffnung des Ofens ein runder Rost, von Gusseisen, der durch einen das Rohr quer

durchschneidenden starken eisernen Vorstecker ee, mittelst einer in der Mitte des Rostes fest genieteten eisernen Schleife,

festgehalten wird, anderseits beim Füllen des Apparates mit Brennstoff herausgenommen werden kann. Zum Tragen des

Apparates ist in der Höhe von 22 Ctm. über den Deckel desselben aa querüber ein rund gedrehter hölzerner Bügel c von

23 Ctm. Breite angebracht, der mittelst runder eiserner Stäbe ff an den äußeren Wandungen des Ofens fest vernietet ist, jedoch

eine etwas nach hinten geneigte Stellung erhalten muss; denn, wenn der Ofen behufs seiner Füllung vollständig umgekippt wird,

muss der Bügel ff zugleich mit einer an der gegenüberliegenden Seite des Ofens frei herabhängenden eisernen Schiene d, von

3 Ctm Breite, 2 Ctm. Dicke, 44 Ctm. Länge, unten in einer knieförmigen gekrümmten Spitze m endend, dem Apparat als bester

Stützpunkt (Fuß) dienen. Diese Schiene ist unterhalb des Deckels aa durch ein Band an das Rohr angenietet, jedoch mit einem

Charniere n versehen, damit beim Umkippen des Ofens, die Schiene frei zurückschlagen und nun mit der knieförmigen Spitze m

in den Erdboden greifend dem Ofen als Stützpunkt dienen kann.

 

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Bild 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bild 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bild 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

            Zum besseren Verständnis des ganzen Geräthes und seines Gebrauches seien dessen einzelne Theile an Hand unserer

Abbildungen im Einzelnen angeführt: Das erste Bild stellt den Ofen dar, wenn er getragen oder behufs des Räucherns aufgestellt

wird. Bild 2 zeigt die Stellung des Ofens, wenn er behufs seiner Füllung mit Brennstoff umgekippt wird. Bild 3 ist der Rost,

welcher bei ee ins Rohr gelegt wird. aa ist der Deckel des Ofens fest vernietet, d das offene Mundrohr in der Mitte des Deckels,

c der obere hölzerne Griff des Handbügels, ff die eisernen Seitenstäbe des Handbügels, d die eiserne, frei durch das Charnier

n als Fuß herabhängende Schiene, m deren Spitze, ee der Stift von Eisen, welcher den Rost durch die Schiene o festhält, jedoch

bei der Füllung des Ofens herausgezogen werden kann.

           

Diesen Apparat kann jeder Schlosser oder Dorfschmied in einem Tage anfertigen. Je nach der Stärke des Eisenbleches

kostet derselbe fl.4,50 bis fl.6; der Handblasebalg ist in jeder Stadt käuflich zu haben; man wähle aber das größere, standfestere

Format, denn der Blasebalg leidet viel von der Feuerglut und je stärker der Luftdruck ist, desto wirksamer wird der Rauch in die

Mäusegänge getrieben.

           

Behufs der Füllung des Apparates mit Brennstoff wird derselbe, wie bei Bild 2 dargestellt, vollständig umgekippt, der

Rost herausgenommen, das Rohr bis nahezu 2/3 mit Brennmaterial gefüllt, das letztere durch einen leicht brennbaren Stoff an=

gezündet, der Rost schnell wieder eingefügt, der Ofen in seine gewöhnliche Stellung, Bild 1, zurückversetzt und dann schleunigst

durch das auf dem Deckel angebrachte Mundrohr b, mittelst Einfügung der Spitze des Blasebalges in letzteres, das lebhafte Er=

glühen der Füllung bewirkt. Dies wird natürlich erst im Felde vorgenommen, und ist jetzt der Apparat für das Räucherungs=

geschäft fertig.

           

Das beste Brennmaterial gewährt hiebei die Steinkohle durch die Entwicklung eines besonders starken erstickenden Rauches;

sodann Torf oder trockenes Ulmenholz. Altes Leder oder Lumpen taugen hiezu nicht viel; sie liefern weniger Rauch, währen das

ausschwitzende Oel nicht blos das Rohr sehr stark verschleimt, sondern sogar die Glut unterdrückt. Ganz besonders empfiehlt sich

während des Räucherns ab und zu kleine Stückchen Schwefel von der Größe einer kleinen Erbse durch das offenen Mundrohr in

den Ofen zu werfen zu lassen, weil der Schwefeldampf das Ersticken der Mäuse ungemein beschleunigt. Man kauft den Schwefel

in großen Stücken, lässt diese in kleine Brocken zerschlagen und letztere führt die Bedienung des Ofens in einem kleinen, um den

Hals getragenen Säckchen bei sich. Die Auslage ist unbedeutend.

           

Der berühmte greise Landwirth und Verfasser des bekannten Buches „ Der praktische Ackerbau in Bezug auf rationelle

Bodencultur“, Albert v. Rosenberg=Lipinsky, Landschaftsdirektor a. D. in Breslau, hat diesen Räucherofen vielfach mit Erfolg

verwendet. Sein bewährtes Vertilgungsverfahren mit demselben wollen wir nachstehend zum Nutzen der Leser ausführlich zur

Nachahmung mittheilen.

           

Sobald im Frühjahr die Feldflur so weit abgetrocknet ist, dass dieselbe ohne Nachtheil betreten werden kann und den Mäusen

das Ausräumen frischer mürber Erde aus ihren Gängen möglich wurde, lässt man durch Kinder unter Aufsicht das gesammte Feld,

natürlich zunächst die Roggenfelder, da diese am frühesten emporschießen, sodann auch alle Raine und Grabufer absuchen. Die

Kosten dieses zeitigen Absuchens werden durch die Einsparung an Manneskraft, an Räucherungsmaterial und an Zeit reichlich er=

setzt. In jedes Mäuserevier, welches durch die frisch ausgeworfene Erde die darin lebenden Bewohner verräth, wird ein etwa 50 Ctm.

langes Holzpfählchen oder ein Baumreis als Marke senkrecht und so tief in die Erde gesteckt, dass der Wind es nicht umdrehen kann;

dasselbe zeigt der Bedienung des Apparates die einzelnen zu räuchernden Stellen schon von Weitem an. Der Ofen wird jetzt über dem

meist befahrenem Eingange des Mäusereviers so fest wie möglich in den Erdboden eingedreht; denn geschieht dies nicht sorglich, dann

geht zuviel Rauch verloren, es dringt zuviel Luft in das Mauseloch und diese schützt die an den gewohnten Ausgang alsbald geeilten

Mäuse lange Zeit vor dem Erstickungstode. Der den Ofen bedienende Arbeiter steckt die eiserne Spitze des Blasebalgs in das Mund=

rohr b des Ofendeckels und durch ein wiederholtes lebhaftes Pumpen treibt der starke Luftdruck nun den Rauch heftig in das Innere der

Mäusewohnung. Fast augenblicklich sieht man, oft bis auf 15 Schritte Entfernung, aus allen Mäuselöchern oder der lockeren Erddecke

über den Mäusegängen den Rauch massenhaft ausströmen und nun beeilen sich die beiden, jeden Ofen beigegebenen Kinder, mittelst

eines mit langem Stiel versehenen Hammers die rauchenden Löcher, bez. sonstigen Stellen fest zuzuschlagen, um hier das Entweichen

des Rauches, bez. das Einströmen frischer Luft zu verhindern. Dieses Festschlagen muss aber vorweg zuerst auf den vom Ofen ent=

ferntesten Punkten geschehen und erst zuletzt in der Nähe des Ofens; denn sonst schließt man selbstredend vorweg das Abströmen des

Rauches in die entfernteren Gänge ab und deren Bewohner bleiben am Leben. Auch dürfen überhaupt die Mäuselöcher nicht eher

zugeschlagen werden, als bis der ihnen entströmende Rauch zeigt, dass sie zu ein und demselben Mäuserevier gehören. Denn zwei

Reviere begrenzen sich oft sehr nahe ohne jegliche Verbindung, während in entgegengesetzter Richtung das einzelne Revier zuweilen

seine Gänge auf 15 – 20 Schritte ausdehnt. Durch das Zuschlagen der Löcher, bez. Gänge, bevor sich in ihnen der Rauch zeigt, werden

viele Mäuse vom Erstickungstode gerettet. Je nach dem Umfange des Mäusereviers, das sich durch das Ausströmen des Rauches zu

erkennen gibt, sowie ja nach der Lockerung des Bodens, genügt das Räuchern auf die Dauer von 1 – 2 Minuten, um sämtliche Bewohner

eines gemeinschaftlichen Reviers zu tödten, besonders wenn ab und zu dem Brennstoff die kleinen Schwefelstückchen beigegeben

wurden. Auf Rainen und Grabenufern, bei denen der Apparat sich oft nicht dicht genug an den Erdboden anschließen lässt, desgleichen

bei Stellen, die vom Maulwurf stark durchwühlt sind, ist eine längere Zeit erforderlich. Nach dem Abheben des Apparates von dem

geräucherten Revier muss das unterm Rohr offen gebliebene Mäuseloch gleichfalls recht fest zugeschlagen werden, um den Rauch im

Inneren des Reviers möglichst lange zu erhalten und zu verhüten, dass nicht etwa einzelne Mäuse, die blos ohnmächtig wurden, durch

das Einströmen frischer Luft sich wieder erholen. Bevor der Arbeiter das fertig geräucherte Revier verlässt, steckt er die frühere Marke

wieder fest in die Erde, jedoch jetzt in schräger Stellung, als Zeichen des vollzogenen Geschäftes.

           

Nach Verlauf einiger Tage müssen die von den Mäusen gesäuberten Flächen revidirt und die beim ersten Räuchern etwa

verunglückten oder durch auswärtige Mäuse neu in Besitz genommenen Reviere, was sich durch Aufwühlen frischer Erde erkennen

lässt, durch senkrechtes Einstecken der Marke nochmals bezeichnet und geräuchert werden. Die übrigen Marken werden beseitigt.

           

Dasselbe Verfahren ist bezüglich der Raine und Grabenufer, sowie nach jedem Schnitte der Klee wie Futterfelder, späterhin

auf den Stoppelflächen inne zu halten. Gibt es auf der Flur nur einzelne Mäusefamilien, wie dies im Frühjahr, weil über Winter die

meisten Mäuse zugrunde gehen, was in der Regel der Fall ist, dann lassen sich mit einem Apparat täglich 15 – 16 Hektare von den

bösen Gästen vollständig säubern, während weiterhin bei massenhaft vorhandenen Mäusen dies kaum auf einen ½ Hektar glückt, und

die gesäuberten Reviere nach einigen Tagen immer wieder von Mäusen der angrenzenden Flächen in Besitz genommen werden und

ein nochmaliges Räuchern erfordern. Daher ist der Beginn der Mäusevertilgung im zeitigen Frühjahre, wo es sich in der Regel nur

um die Tödtung sehr vereinzelter Mäuse handelt, die Hauptsache. Denn, wo nicht gesät wird, gibt es auch weiterhin keine Ernte. Die

Vermehrungsfähigkeit dieser Bestien ist aber bekanntlich eine ganz enorme. Man ermittelte nämlich, dass unter jeder Mäuseschaar

stets nahezu ¾ weiblichen Geschlechtes sind; dass die Muttermaus meist schon vom März ab alle 4 – 6 Wochen durchschnittlich

je 10 Junge wirft; dass die Weibchen dieser Erstgeburt im Alter von höchstens 8 Wochen eine gleiche Zahl Junge zur Welt bringen,

deren Mutterthiere wiederum im Alter von 8 Wochen je 10 Junge gebären, und dass diese Vermehrung erst beim Eintritte des Winters,

Ende October, abschließt. Somit veranschlagt man die gesammte Nachkommenschaft einer Muttermaus vom Frühjahre ab auf jährlich

8 bis 10.000 Stück und durch eine einfache Rechnung lässt sich die Möglichkeit dieser riesige Vermehrung darthun. Kann es da Wunder

nehmen, wenn auf einer Flur, wo vielleicht einige tausend vereinzelte Muttermäuse im Frühjahre glücklich aus dem Winter gekommen

waren, und man diese Stammgäste nicht rechtzeitig vernichtet hatte, weiterhin bei der Feldfruchternte sich Milliarden Mäuse zeigen

und die Felder verwüsten! Gegen diese Uebermacht bleibt dann der Landwirth ohnmächtig und der gewaltige Schaden ist nicht ab=

zuwenden. Leider denkt man aber im Allgemeinen nicht an diesen vorzeitigen Beginn der Mäusevertilgung im Frühjahre, bez. an

deren beharrliche Fortsetzung, oder man scheut die an sich unbedeutenden Kosten, während bei einem energischen und beharrlichen

Einschreiten in der bezeichneten Richtung jede bedrohliche Mäusecalamität längst verschwunden wäre.

           

In dem in Rede stehenden Räucherofen ist bei seiner richtigen und sorglichen Anwendung, wozu gehört, dass die Bedienung

des Ofens gehörig geschieht, dem Landwirth ein sicheres und leichtes Mittel gegeben, die Flur von den bisherigen gewaltigen Ver=

wüstungen zu schützen.

           

Der Hauptsegen dieses Ofens beruht namentlich darin, dass in der kurzen Frist von je 1 – 2 Minuten sämmtliche Mäuse ein

und desselben Reviers, oft 15 bis 20 Stück, getödtet werden. Die Wirkung des Gülich’schen Ofens ist so stark, dass mittelst desselben

sogar Füchse in ihrem Bau todt geräuchert wurden.

           

Zum Schluss wollen wir noch erwähnen, dass dieser Räucherofen auch bei Waltenberg & Braun in Wien, II.; Praterstrasse 9,

complet zum Preise von fl. 12 zu haben und ein Exemplar zur Besichtigung daselbst aufgestellt ist.

 

 

 

                                                                                                          Dominikanerbastei

 

                                                                                                                                  am 21 November 1877

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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