Hildesheim, im August 1903

 

Professor Hermann Prieß schreibt.

 

Mäuse.

 

Schaden und Nutzen.

            Die Mäuse ernähren sich fast ausschließlich von pflanzlichen Stoffen, wie

Getreidekörnern, Früchten, Halmen, Blättern und Baumrinde. Gelegentlich fressen

sie auch Insekten, Engerlinge, junge Vögel, Fleisch und Speck. Am schädlichsten

sind die Feldmaus und die große Wühlmaus.

 

Verhaltungsmaßregeln.

            A.) In Gebäuden müssen Katzen gehalten werden, denn eine Katze, die regel=

mäßig und gut gefüttert wird, tötet mehr Mäuse, als man in Fallen fangen kann.

 

            B.) In Schobern. Um die Einwanderung von Mäusen zu verhindern, ziehe man

um den Schober einen fußtiefen Graben mit senkrechten Wänden und versenk am Inne=

rande der Grabensohle in Abständen von ungefähr 1 bis 2 m Töpfe, alte Konserven=

büchsen, oder vierzöllige Entwässerungsröhrchen, die unten verschlossen werden.

 

            C.) Wird feiner Sand schichtenweise zwischen die Garben gestreut, so verlassen

die Mäuse den Schober. Den wühlenden Mäusen rieselt nämlich der feine Sand in den

Pelz und das ist ihnen wahrscheinlich so unangenehm, dass sie den Schober schleunigst

verlassen.

 

            D.) Auf Feldern sollte man regelmäßig alle Jahre die Mäuse bekämpfen, also

nicht erst warten bis die Mäuseplage da ist, sondern ihren Ausbruch verhindern.

 

Bekämpfung mit dem Mäusetyphusbazillus.

            Am billigsten und (bei richtiger Ausführung) am wirksamsten ist die Anwendung

des Löfflerschen Mäusetyphusbazillus. Man kaufe (von Schwarzlose und Söhne in Berlin,

Marktgrafenstrasse 29 oder von den landwirtschaftlichen Versuchstationen oder von der

Maschinenverkaufsstelle der Landwirtschaftskammer in Hannover) einige Glasröhrchen

mit Kulturen des Mäusetyphusbazillus, eine Röhre kostet ungefähr 8 Pfg, und reicht für

ungefähr 2000 Mäuselöcher. In den Glasröhren befindet sich auf einer glasigen Gallerte

eine weißliche Schicht, die aus vielen Millionen lebender Spaltpilze besteht. Die Röhren

sind an einem dunklen und kühlen Orte aufzubewahren und erst unmittelbar vor ihrer Benutz=

ung zu öffnen. 1 bis 2 Tage vor der Anwendung lasse man die Mäuselöcher zutreten und

soviel kg Weißbrot als man Röhrchen gekauft hat in von 1 bis 2 ccm Größe schneiden. Am

Tag der Anwendung koche man soviel Liter Wasser als Kulturen gekauft wurden, lasse das

Wasser sich abkühlen bis es höchstens noch lauwarm ist, öffne ein Röhrchen, gebe etwas

Wasser hinein, schabe mit einem Hölzchen die weißliche Schicht ab, schüttle tüchtig und

gieße den trüben Inhalt des Röhrchens in das abgefüllte Wasser, das ist mehrere Male zu

wiederholen. In dem bakterienhaltigen Wasser taucht man die Brotwürfel wiederholt unter,

damit sie sich ordentlich voll saugen. Die Brotwürfel werden sodann auf einige Gefäße

verteilt und in den Abendstunden trockner Tage ausgelegt. In jedes Mausloch werden 1 oder

2 Würfel möglichst tief eingelegt. Besser noch ist es, an stark durchwühlten Stellen einen

Fleck von ungefähr 10 cm mit der Fußspitze festzutreten, darauf einen Esslöffel voll Brot=

würfel und darüber etwas Haferstroh zu legen. Der Strohwisch schützt die Bazillen gegen

das Licht und lockt die Mäuse an. Er muß mit einer Rute festgesteckt oder, falls Krähen auf

den Acker kommen, mit Steinen beschwert werden. Nach 8 bis 14 Tagen werden die meisten

Mäuse am Typhus zu Grunde gegangen sein, nur in seltene Fällen wird es nötig sein, nach

8 Tagen die Löcher wieder zutreten und die frischen Löcher nach 1 bis 2 Tagen wieder mit

infizierten Brotwürfeln belegen zu lassen. Die Kosten (einschließlich Arbeitslohn) betragen

für 10000 Löcher ungefähr 6 Mark. Wohl zu beachten ist, dass Brandmäuse nicht erkranken,

wenn sie infiziertes Brot gefressen haben.

            Beim Durchtränken und Auslegen der Brotwürfel soll man weder essen noch rauchen,

und nach dem Auslegen muß man sich die Hände mit Seife und Wasser tüchtig waschen, denn

in einem nicht ganz gesunden Darmkanale eines Menschen können sie die Mäusetyphusbazillen

vermehren und Krankheiten hervorrufen.

 

Bekämpfung mit der Schwefelkohlenstoffkanne.

            Nach der Bestellung im Frühlinge sowie im Herbste haben die Mäuse soviel zusagende

Nahrung, dass sie Brot meistens verschmähen. Es empfiehlt sich dann, die Mäuse durch Schwefel=

kohlenstoffdämpfe zu töten. Schwefelkohlenstoff ist eine gellgelbe Flüssigkeit von unangenehmen

Geruche, die an der Luft schnell verdunstet. Schwefelkohlenstoffdämpfe entzünden sich mit lautem

Knall, wenn ihnen brennende Lampen, Streichhölzer oder Zigarren genähert werden. Tiere, die

Schwefelkohlenstoffdämpfe einatmen, werden sofort betäubt und sterben in kurzer Zeit. Einige

Tage nach der Bestellung lasse man in jedes Mäuseloch mit einer Schwefelkohlenstoffkanne (Preis

12 Mark) ungefähr 6 bis 8 g Schwefelkohlenstoff gießen und das Loch dann durch einen Erdklotz

verschließen. Die Kosten (einschließlich Arbeitslohn aber ohne Berechnung der Kanne) betragen

für 1000 Löcher ungefähr 3 Mark.

 

 

Textfeld:

 

 

 

 

 

 

Die Schwefelkohlenstoffkanne.

Käuflich bei Altmann in Berlin, Luisenstraße.

 

 

 

 

 

 

 

            Die beiden beschriebenen Verfahren sind dem Auslegen von Gift (Saccharin-Strychnin-Hafer

und Phosphorbrei) entschieden vorzuziehen, denn sie sind billiger, erfolgreicher und für Menschen,

Wild und nützliche Vögel weniger gefährlich. In einigen Teilen Deutschlands, zum Beispiel in

Hannover, ist das Auslegen von Gift polizeilich verboten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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